Fachgespräch Medienfreiheit in der Türkei – Europäischer Salon 2 – Deniz Yücel 300 Tage zuviel Haft

Am Freitag war es soweit. In Berlin fanden Fachgespräche, gemeinsam mit dem Europäischen Zentrum für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF), ein Podium zur Medienfreiheit mit dem Neuen Deutschland (ND) und eine Bilanzveranstaltung am Abend im Café Sibylle statt. Can Dündar kam überraschend ab Mittag zu unseren Debatten. Stelios Kouloglou eröffnete am Nachmittag seine Ausstellung „Laughing to death”. Doch eines nach dem anderen.

Können Twitter und Facebook unabhängigen Journalismus retten? | Foto: Ulrich Lamberz
Journalisten zwischen Widerstand und Exil | Foto: Ulrich Lamberz
Martina Michels am 8.12.2017 im Europäischen Haus | Foto: Ulrich Lamberz

Fachgespräche gemeinsam mit dem Europäischen Zentrum für Presse und Medienfreiheit im Europäischen Haus

… und vielen türkischen Journalistinnen und Journalisten, Medienmacher*innen und Initiativen. Am Vormittag und am Nachmittag luden wir, konzeptionell vorbereitet und moderiert vom ECPMF, in zwei Panels zu unterschiedlichen Spurensuchen. Wie funktioniert heute unabhängige Medienarbeit in und für die Türkei. Mit dabei Engin Önder von 140journos, Zeynep Erdim, Korrespondentin von BBC Türkei, Prof. Mine Gencel Bek, die jetzt in Siegen lehrt und früher in Ankara.

Martin Hoffmann vom ECPMF fragte nach der Nutzung sozialer Medien, dem Umgang mit Druck, Einschüchterung und Überwachung, besonders nach den Verfolgungen, die Erdoğans regierende AKP nach dem

gescheiterten Putsch im Juli 2016 losgetreten hat. Medienarbeit ist genauso existenzbedrohlich wie kritische Wissenschaft oder politische Opposition. Die geladenen Gäste gaben umfangreich Auskunft über die Arbeitsweisen bis zum Themenaustausch in geschlossenen Gruppen. Doch selbst diese Sicherheitsräume sind begrenzt. Orwells 1984, so bemerkte einer der Panelisten, trifft durchaus das derzeitige Leben in der Türkei.

Im zweiten Panel wurden von Nora Wehofsits vom ECPMF Vertreter*innen von Exilmedien, wie Zübeyde Sari von Özgürüz Türkei, von Journalistengewerkschaften, wie Mustafa Kuleli von TGS Journos Union Turkey und von der Deutschen Welle,  die Türkeichefin Seda Serdar, deren Auftrag die Berichterstattung in die Türkei ist, nach ihre jüngsten Erfahrungen befragt, die sich aus allen Perspektiven massiv verändert haben. Recherche und Überprüfung von Quellen sind nur eingeschränkt möglich. Kooperationspartnerinnen und -partner sind immer weniger verfügbar. Damit bekommt die unmittelbare Berichterstattung via Periscope und anderen live-Video-Angeboten eine wachsende Bedeutung, um authentisches Bildmaterial von Protesten, Debatten, von Prozessbegleitungen und kulturellen, sowie politischen Ereignissen weit über die Grenzen der Türkei zu verbreiten und ihre Auf- und Nachbearbeitung in Auslandsmedien zu ermöglichen.

Manch Beschreibungen der Speaker, die hier vorab als als mp3 in Englisch und im Originalton sind (mal in EN, DE, TR) hörbar sind, machen so sprachlos, dass dann doch irgendwann die Frage im Raum stand, wie man diese Arbeitsprozesse täglich aushält und wie man sich schützt. Ebenso verblüffend war dann die Antwort von Zübeyde Sari von Özgürüz „Mut ist unser bester Schutz“. Nur so erfahren Menschen, was wir gerade erleben, können eingreifen, sich solidarisieren, mit uns zusammen die journalistische Berichterstattung organisieren.
Der link für den youtube-upload der Fachgespräche folgt in den nächsten Stunden an dieser Stelle.

In der Mittagspause bekamen wir prominenten Besuch, der uns dann auch am Tage in der Debatte begleitete. Can Dündar, der Chefredakteur von Özgürüz heute und der verfolgte Chefredakteur der Cumhuriyet, hatte das ECPMF bei der Vorbereitung unterstützt und zu Panelistinnen und Panelisten vermittelt. Er nahm sich die Zeit, an unseren Debatten teilzunehmen und wurde am Abend im Café Sibylle nochmals in ein kurzes Interview zum Tag und zur Türkei verwickelt.

Europäischer Salon | Foto: Peter Cichorius

Ein Schlusswort von Martina Michels vorm Europäischen Salon II

Die erste „Zwischenbilanz“ des Tages gab Martina Michels am Ende der beiden Fachgespräche. Sie ging dabei auf die vielen Inputs ein, betonte zugleich ganz besonders all jene Punkte, die über die vergangenen Stunden den Politikerinnen und Politikern ins Stammbuch geschrieben wurden. Ihre Rede ist hier nachlesbar, aber auch in den links weiter oben zu hören.

Am späten Nachmittag gab es eine weitere Überraschung für viele, die zum Europäischen Salon II unter dem Titel „Medienfreiheit zwischen Repression und Revolution“ gekommen waren. Gemeinsam mit dem Fraktionskollegen von Martina, dem griechischen Europaabgeordneten Stelios Kouloglou, wurde seine Ausstellung in den Räumen des Neuen Deutschland „Laughing to death“ eröffnet. Karikaturen, die seltsamerweise nicht alle im Europäischen Parlament gezeigt werden sollten, reisen nun durch die Mitgliedstaaten, ihr kurzes zensiertes Schicksal im Gepäck.

Anschließend wurde der Fokus auf die Lage der Medien in der Türkei vom Vormittag wieder aufgenommen, aber mit Christoph Links beispielsweise auch auf die Verlagslandschaft ausgeweitet. Lutz Kinkel, der Geschäftsführer vom ECPMF, erläuterte umfänglich, wo solch ein Medienzentrum unterstützend in den politischen Auseinandersetzungen eingreifen kann und Martina Michels, sowie die ungarische Journalistin Hanna Ongjerth, erweiterten nochmals den Fokus auf die EU selbst und auf Bedrohungen der Medienfreiheit, die wir nicht nur in ausgemacht repressiven Staaten suchen müssen.

Ausstellungseröffnung mit Stelios Kouloglou und dem ND | Foto: Ulrich Lamberz
Ist Medienfreiheit in Gefahr? | Foto: Ulrich Lamberz
Der Abend beginnt mit Can Dündar im Café Sibylle | Foto: Peter Schmidt

Ein Abend mit Can Dündar und dem Singenden Tresen

Nach dem Debattenmarathon am Tage hatte Martina Michels ins Café Sibylle geladen, um Rück- und Ausblicke 2017 anzubieten. Da viele Teilnehmerinnen der Fachgespräche und des Podiums dabei waren, war die Lust am Austausch ohnehin schon entfacht. Mit Can Dündar wurde dann der Abend einfach eröffnet, die Wege aller denkbaren Dialoge in die Türkei und mit der Türkei nochmals ausgelotet, die auch am Ende des Tages lauten: Wir können die Türen nicht zuschlagen, und so zurückhaltend uns die Forderung erscheint, jetzt die Beitrittsverhandlungen nicht abzubrechen, so wichtig ist dieses Signal immer wieder für die politische Opposition, für alle die von Aussperrungen, Medienüberwachung, Entlassungen oder gar Haft betroffen sind.

Anders konnte man den Vortag des 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, kaum beschließen und zugleich war klar, jeder Tag sollte ein Tag für mehr Medienfreiheit sein. Allein am 11. Dezember, am heutigen Montag, sitzt Deniz Yücel unschuldig und ohne Anlage 300 Tage in Haft. Schreiben wir nicht nur über die Türkei, schreiben wir denen, die im Gefängnis sitzen. Zeigen wir, dass wir verstanden haben, dass die Öffentlichkeit für ihre Lage uns alle betrifft.

Kategorien: Martinas Woche.