Foto: Konstanze Kriese

Am 6. September, Sonntagvormittag, war klar, bei den Nachrichten von Budapest bis Berlin gehen wir am Westbahnhof vorbei, machen uns ein Bild von der Lage der ankommenden und durchreisenden Flüchtlinge. Sehr beruhigend erschien uns einleitend die Organisation durch wartende Ambulanzen, viele Einsatzkräfte der Stadt und noch mehr Menschen, die von sich aus die Ankunft der Flüchtlinge organisierten. Als ein Zug gerade nach Salzburg ausgefahren war, zu dem Familien mit Dolmetschern geleitet wurden, die allesamt in eine große Ungewissheit schauten, müde und erschöpft, sprach Martina eine Ehrenamtliche der Caritas an, die eigentlich auch sichtlich eine Pause brauchte.  Doch sie war sehr erfreut, dass Europaparlamentarierinnen einfach so vorbeischauen, von sich aus und sprudelte drauf los. Zuerst war auch die große Hilfsbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger das überwältigende Thema, doch dann purzelten die ersten Geschichten, die weh tun und die zeigten, dass auch Freiwillige Zuspruch und Unterstützung brauchen, dass sie allabendlich mit den Bildern der kaputten Füße, der Suchenden und  Herumirrenden nach Hause gehen. Auch wenn sie oft erleben, dass die Flüchtlinge immer mit den Händen aufs Herz zeigen und sich daran festhalten, sie tragen unwahrscheinlich viel weg und brauchen den Austausch, Gespräche, wie es eigentlich weitergeht…

Auch wir sind irgendwann am Ende. Eine junge Frau, die gänzlich allein und ohne einen sichtbaren Familienverband unschlüssig vor den Gleisen herumschleicht, geht auf eine Familie zu, die am Bahnhof einfach mit einem Körbchen Spielsachen, Puppen, Teddys und ihrem Kind, dem wohl diese Sachen alle gehörten, steht. Die Frau zeigt auf einen Teddy und nimmt ihn aus dem Körbchen. Sie drückt ihn an sich und uns Herumstehenden wird klar: Sie brauchte das kleine Knäuel ganz offensichtlich für sich selbst. In solch einer Situation ist niemand sicher, ob er noch hören will, was sie alles ertragen hat, wie sie bis Wien kam und was sie denkt, wie es weitergehen soll.

Diese große Sortiertheit, die uns die Frau von der Caritas bei der Organisation im Flüchtlingslager zeigte, gerät wieder ins Wanken. Alle Bilder wirbeln durcheinander. Das Wasser, der Schlafplatz, die freundliche Begrüßung, die Schmerzmittel, warme Schuhe, es ist so viel und nur das Mindeste. Für ein Leben ohne Angst, ohne Verfolgung und Gewalt, für eine Ankunft in einem neuen Zuhause fehlen bisher alle entscheidenden Europäischen politischen Lösungen.

Wie schrieb ein Journalist, der in Budapest-Keleti war: Man kommt als Journalist an und als Mensch wieder raus. Die Begegnungen am Westbahnhof in Wien hatten auf uns eine ähnliche Wirkung. Es verändert das politische Denken, nicht die Richtung, aber die Intensität, die Eindringlichkeit, mit der man selbst zu Werke geht.

Fotos: Peter Cichorius

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