Kein Widerspruch: Der 1. Mai ist auch Tag der freien Zeit.

Vieles wäre zum 1. Mai zu sagen – zum Beispiel, dass dieser hart erkämpfte Feiertag der Arbeitenden, wenn er auf einen Sonntag fällt, in vielen Europäischen Ländern am darauffolgenden Tag der werktätigen Bevölkerung als freier Tag zurückgegeben wird. So ist es längst in Spanien, Großbritannien, Luxemburg und Belgien.

Der 1. Mai ist weltweit wie vor der Haustür voller Veranstaltungen – auch um Nazis die Okkupation dieses Internationalen Tages, der so eng mit der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung verknüpft ist, zu verwehren. Zum anderen ist die Beschäftigung mit dem 1. Mai entscheidend, damit moderne Gewerkschaften und damit Beschäftigte wie auch Erwerbslose ein Zeichen der Solidarität setzen – eine Solidarität, die Fragen der internationalen Arbeitsteilung und die Unterstützung der vor Krieg und Existenzvernichtung Geflohenen einschließt.

Natürlich geht es um gute Jobs vor Ort in Europa – existenzsichernd, familienfreundlich, ökologisch und mit hohen sozialen Standards. Aber es sollte auch darum gehen, dem Götzen Lohnarbeit den Kampf anzusagen und damit den gesellschaftlichen Strukturen dahinter, in denen Beschäftigte international gegeneinander ausgespielt werden und Erwerbslose kaum zu Wort kommen, wenn sie sich als Bürgerinnen und Bürger zu gesellschaftlichen Problemen äußern und nicht zuerst als „Arbeitssuchende“.

Schließlich haben wir längst eine gesellschaftliche Produktivität erreicht, die nicht noch mehr bezahlte Arbeit erfordert, sondern besser bezahlte Arbeit und gerechter verteilte Arbeit, auch zwischen den Geschlechtern und zwischen kapitalisierter „produktiver Arbeit“ und unsichtbarer Carearbeit.

Leider erscheint Vielen der Kampf um die Verkürzung der Lohnarbeitszeit noch immer als eine zweitrangige oder unrealistische Forderung, obwohl doch mit Hilfe von Smartphones und anderer „entgrenzender“ Technik die jederzeitige Verfügbarkeit der Beschäftigten angestrebt wird und es immer schwerer wird, sich diesem Wahnsinn zu entziehen.

Wir sollten hier – denn darin bestünde letztlich eine lebensnahe und nachhaltige Solidarität – die Kämpfe um den modernen 1. Mai auch mit dem Feiertag der Arbeits- und Wohnungslosen am 2. Mai, einer bisher eher kleinen Bewegung, zusammenbringen. Zumindest sollten wir den Fetisch der Ausbeutung durch Lohnarbeit entschleiern. Also mal wieder beim ollen Marx nachschlagen, der doch schon unmissverständlich aufklärte: Der wirkliche Reichtum einer Gesellschaft – das sind nicht die Geldberge von Dagobert Duck und auch nicht die Krümelchen vom erarbeiteten materiellen Wohlstand, die für die Arbeitenden abfallen, sondern die wirklich frei verfügbare Zeit.

Dabei gilt natürlich: Geld für eine Kinokarte für mehrere Kinder müssen Eltern erst einmal haben – und auch das Wissen und die kulturellen Voraussetzungen, um zu wissen, was man sonst noch alles mit freien Stunden anfangen kann …

Der 1. Mai ist also ein guter Tag, um die alte soziale Frage des 19. Jahrhunderts zu erneuern und umfassend und menschlich wieder auf die Tagesordnung zu setzen, auch für Frauen, Flüchtlinge, Erwerbslose, Menschen in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen, wie Softwareingenieure, Hausangestellte oder Wanderarbeiter.

Unsere Bundestagsfraktion DIE LINKE hat zu diesem Ansatz in diesem Jahr ein schönes Video gedreht.

Foto: 1. Mai 2016 – Veranstaltungsplakat, Brüssel

Kategorien: Aktuelle Debatten.